norberto llopis segarra

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Critic from “Theater der Zeit”

by Esther Boldt

 
Versuche zur blauen Stunde

“diskurs07 . Festival for performing arts”

in gießen Zwielight trennt Tag und Nacht, light und Dunkel. Als Reich des Übergangs ist die blaue Stunde stets eine mystische, in der sich ein besitzloses Land der Möglichkeiten entfaltet. Diese Schwelle “Zwielicht\Twilight” haben die Macher des diesjähringen Festivals “Diskurs 07” in Gießen sich zum thema gemacht. Seit 1984 wird es jährlichvon Studierenden der Angewandten Theaterwissenschaft ausgerichtet. Eingeladen werden junge künstler und Studierende aus ganz Europa, die hier nicht nur ihre Arbeiten zeigen, sondern auch die Auseinandersetzung pflegen sollen. Für Konzept und organisation zeichneten in diesem Jahr Frank Müller, Maximilian Haas und Wolfram Sander verantwortlich, an der Durchfürung waren ein gutes Dutzend weitere Studierende beteiligt. Wie die Dämmerung Trugbilder hervorbringen Kann und die Wahrnehmung schärft, so nutzten die gezeigten Arbeiten Mittel der Reduktion un Konzentration, um die Möglichkeiten von Darstellung und Wahrnehmung zu befragen. Performances, tanzstücke, installationen, ein Atelier und eine Audiotoursetzten sich mit dem Material auseinander-Studien und Versuchsanordnungen, deren Ausgangspunkte häufig theoretische Fragestellungen waren. In den hellsten zwielichtingen Momenten gingen diese Theorien durch Köper und entwickelten ein eigene Sinnlighkeit, eine Ausweitung des Denkens auf der Bühne, Zugleich boten sie Modelle an für ein Theater der Gegenwart, das herrschende Diskursewie Genderfragen und Körperbilderverhandelt, sie durch- und überschreitet. Aus der Reflexion folgte ein lustvolles Spielertumdenn, das war die zweite Auffälligkeit, die Versuchsanordnungen verbanden sich mit Witz und Selbstironie, Bei aller Belesenheit nahm man sich nicht allzu wichtig. So setzte das Tanzstück “Materia Potency” von Norberto Llopis Segarra großmäulig metaphysische Diskurse um Materie und Möglichkeiten aufs Programm, nur um gerade die kraftvoll auszuhebeln, Mehrdeutigkeit vor Eindeutigkeit zu propagieren.”Materia potency” ist zugleich Segarras Abschlussarbeit an der Schule DasArts in Amsterda. Den Körper von seinen Sinnzuschreibungen zu entkleiden klingt spätestens seit den Performancetheorien der Judith Butler Hochgegriffen bis unmöglich. Und doch gelingt dem spanischen Choreografen und drei Tänzerinnen diese Unwahrscheinliche Operation. Einen weiß ausgekleideten Raum erarbeiten sich die vier ganz physisch mit forcierten bewegungen, die nicht mehr Alltagsvokabular und noch nicht dechiffrierbarer Tanz sind, sie rennen, springen, werfen die Arme empor. Jeweils einer legt ein lautstarkes Solo hin, einen schwer entschlossenen Bühnensturm, ein keuchendes Andrägen gegen dasBedeuten. Nicht Werk, sondern Studie; Was geschieht, wenn…? Wenn sich einer um sich selbst dreht, wenn eine immer mal wieder gegen die wand springt, wenn alle vier kurz schwitzend direct vor der ersten Reihe der Zuschauer stehen, unmittelbar unheimliche Nähe herstellen, um präzise Sekunden spatter kehrt zu machen? Dann werden die Körper zu Vektoren, entfaltet sich ein Dialog zwischen Körper und Raum, zwischen reiner Intensität und architektonischer Gegebenheit, der eindeutige Zuschreibungen verunmöglicht und zahllose Assoziationsmöglichkeiten eröffnet. Auch “creation of Eve” stellte den Körper in den Mittelpunkt, zwei Tänzerinnen des Kroatischen Kollektivs OOUR untersuchten seine Geschlechterzuschreibung. Schwarze Hosen und weißes Hemd gleichen Selma Banich und Sandra Banic einander an, sie führen einfache Bewegungen im Raum aus, ziehen sich gleichzeiting aus und an, doch die Wiederholung bekommt einen Sprung: Repetition und Abweichung werden zu Prinzipien des leider nicht immer präzise ausgeführten Abends. Die beiden Frauen entwerfen eine reduzierte Bühnenshow, bringen in ihren Körpern kurzzeitig die Geschlechterdifferenz zum Oszillieren: Am Ende stellt sich Sandra Banic in Rockpose: eine Hand samt Mikro senkrecht in der luft, die andere waagerecht abgespreizt, die Hüfte leicht nach vorn gekippt. Konzentriert.

 

Esther Boldt